Moltke-Forum #88

Gast: Professorin Isabel Heinemann

Gast des 88. Moltke-Forums am 1.12.2022 war die Münsteraner Zeithistorikerin, Frau Prof. Dr. Isabel Heinemann. Sie hielt einen Vortrag zum Thema: Keimzelle des Rassenstaates? Familien im Nationalsozialismus, ein Thema, für das sich die Schüler und Schülerinnen des <Moltke> im Vorfeld in einer von Frau Heinemann angebotenen Themenpalette mehrheitlich ausgesprochen hatten. So nahm es auch nicht wunder, dass erfreulicherweise ca. 50 Gymnasiasten/-innen, vornehmlich der Q1/2, an der Veranstaltung teilnahmen.

Gleich zu Anfang untermauerte Frau Heinemann den Themenschwerpunkt anhand einer Reihe von historischen Neuerscheinungen in den letzten Jahren. Insonderheit die Familie gelte heute als "Sonde", um die Alltagswelt des NS exakter zu erforschen und damit auch besser zu verstehen. Die Forschungstendenz gehe dahin, in der Familie eine "Stabilsierungsinstanz" für die Durchführung von Massenverbrechen zu sehen.

Als Einstieg wählte Frau Heinemann eine Filmsequenz einer privaten Familienfeier einer mehrköpfigen Familie in Glücksburg am 1.8.1938. Interessant dabei, dass es zwei Sequenzen gibt; die eine zeigt die komplette Familie, bei der zweiten - nach der privaten(!) Hissung der NS-Fahne - ist ein Junge herausretuschiert, der äußerlich nicht in das Erscheinungsbild der von den Nationalsozialisten geförderten "arischen Familie" zu passen schien.

Sodann benannte Heinemann ihre übergreifende These: Die Rassenpolitik des NS-Staates war über die Familie organisiert. Die Nationalsozialisten wollten kinderreiche Familien, "Volksdeutsche" und SS-Familien, unerwünscht hingegen waren "Erbkranke", jüdische Familien, Asoziale und Zwangsvertriebene. Heinemanns Ausgangsthese lautete, dass die Familie im NS als "Relais der NS-Inklusions- und Exklusionspolitik" wirkte. Der Familie sei die Aufgabe einer "Scharnierstelle" für die Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik der NS zugekommen. Dies illustrierte sie in drei Abschnitten.

Anhand der erst kürzlich edierten Tagebücher und Briefe der Familie Oelwein 1938 - 1945 ließe sich der Zusammenhang der "Selbstzurichtung" einer deutschen (Vorzeige-)Familie im Dienste der NS-Siedlungspolitik demonstrieren.

Ein zweiter Abschnitt zeigte, dass auch in der Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik zum Zwecke der "Germanisierung" Polens und weiterer Teile Osteuropas die Familie den umfassenden Zugriff auf die Menschen ermöglichte: "Unerwünschte" Familien wurden gemeinsam aus den "einzudeutschenden Territorien" vertrieben. "Volksdeutsche" Siedler dagegen wurden durch NS-Familienwerte diszipliniert.

Ein dritter Teil lotete aus, wo die "Grenzen" der Familie lagen, welche Familien im NS bereitwillig zerstört wurden. Hier zeigte sich, dass Familien von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen beispielsweise gar nicht erst entstehen sollten. Im Zuge der "Zwangsgermanisierung" von als "rassisch hochwertig befundenen Kindern" raubte die SS dagegen Kinder aus Familien und Kinderheimen in Polen und der besetzten Sowjetunion. Deutsche Familien sollten durch Adoption dieser Kinder ihren Familienwunsch verwirklichen - die Herkunftsfamilien wurden zerstört.

Wenn man es etwas vereinfacht zusammenfassen wollte, könnte man Folgendes sagen: Die für arisch befundenen Siedler sollten die ideologische Speerspitze in den besetzten Gebieten des Ostens bilden, die Volksdeutschen sollten umgesiedelt werden, um die zuvor benannte Gruppe zu komplettieren (siehe auch den <Generalplan Ost> aus dem Jahr 1942). Die im besetzten Land angetroffenen Familien wurden entweder vertrieben - wobei etliche verhungerten oder umgebracht wurden -, oder sie wurden auseinandergerissen, um als Zwangsarbeiter im Deutschen Reich die Kriegsindustrie aufrechtzuerhalten. -

Bei der anschließenden Diskussion ging es u.a. um die Prägung der Kinder/Kindheit durch die nationalsozioalistisch infiltrierte Ideologie ihres jeweiligen Elternhauses sowie um die zahlenmäßige Bemessung des sogenannten <Osteinsatzes>, die erhebliche Größenordnungen erreichte. 

Der Vortrag endete mit der Überreichung zweier Geschenke für die Historikerin durch zwei Oberstufenschülerinnen und einem lang anhaltenden Beifall des Auditoriums für einen sehr kenntnisreichen und mit einer Vielzahl von Fakten gespickten Vortrag, der sich einem noch weitgehend unerforschten Terrain des NS zugewandt hatte. -

In einer anschließenden schriftlichen Danksagung für die Einladung führte Frau Heinemann u.a. an, dass sie das Moltke-Forum schon als etwas "Besonderes" erfahren habe, bei dem es ihr "eine Freude" gewesen sei, "in der schönen Aula" dabei gewesen zu sein. Sie habe die Zeit mit den Schülern/-innen "sehr genossen" und sei von der Schulgemeinschaft "sehr beeindruckt". Über solcherlei Komplimente für die Schule und "unsere" Schülerschaft aus sicherlich berufenem Munde darf sich das <Moltke> doch freuen.

Wolfgang van Randenborgh